Das große Meister-Interview mit René Rast | DTM
2019-09-20 12:45:00

Das große Meister-Interview mit René Rast

Das große Meister-Interview mit René Rast

Für Audi-Fahrer René Rast reichte Platz drei im Sonntagsrennen auf dem Nürburgring zum Gewinn seines zweiten DTM-Fahertitels nach 2017. Nach seinem zweiten DTM-Gesamtsieg in seiner erst dritten vollständigen Saison ist er nun in einer Liga mit den anderen zweimaligen Champions, Mattias Ekström, Gary Paffett, Timo Scheider und Marco Wittmann.

Der frisch gekürte Titelträger nahm sich Zeit für ein ausführliches Interview mit DTM.com. Im ersten Teil spricht er über die Reaktionen nach seinem Titelgewinn, den Unterschied zum Erfolg 2017, seine Stärken im Rennen, wo er noch Verbesserungspotenzial sieht, körperliches und mentales Training, wie ihn mehrere Absagen seitens Audi stärker gemacht haben, sein Verhältnis zu Audi-Sportchef Dieter Gass und seine Markenkollegen.

 

Ist es dir schon bewusst, was du geschafft hast?

Ja, ich glaube schon. So richtig viel Zeit zum Nachdenken habe ich noch nicht gehabt. Ich war nur einen halben Tag zuhause, Montagnachmittag. Es ist ein bisschen anders als 2017, muss ich sagen. Aber ganz realisiert habe ich es immer noch nicht.


Was ist der Unterschied zu 2017?

2017 habe ich nicht mit dem Titelgewinn gerechnet. Ich bin nach Hockenheim gefahren und hatte, glaube ich, über 20 Punkte Rückstand auf Mattias (Ekström, d.R.). Da wussten wir, dass wir nur eine Chance haben, wenn bei ihm wirklich alles schiefläuft, aber wir hatten eigentlich nie damit gerechnet. Dieses Jahr hat es sich angekündigt, in dem Sinne, dass wir natürlich ein paar Punkte Vorsprung hatten und ich immer darüber geredet habe, dass ich der Favorit war. Man hat mir den Titel schon irgendwie zugeredet und es war auch mental eine andere Situation. Ich habe mich viel mehr darauf vorbereiten können und wurde nicht so 100-prozentig damit überrascht. Natürlich habe ich schon die Erfahrung von 2017 gehabt, wie es sich anfühlt, Meister zu sein. Daher war es jetzt nicht ganz so überraschend.

Rast ist mittlerweile dafür bekannt, dass er auf Anhieb schnell ist

 

Was ist seit Sonntag alles auf dich eingeprasselt, gab es viele Reaktionen?

Auf WhatsApp kam natürlich viel, auch auf Social Media: Instagram, Facebook, Twitter... Da bekam ich unheimlich viele Glückwünsche. Das ist immer schön, aber ich kann nicht immer alles beantworten. Bei WhatsApp versuche ich das schon, aber gerade bei Instagram und den anderen Kanälen kann ich nicht jedem antworten. Diese Stories bleiben teilweise nur 24 Stunden aktiv und da kann man nur einen Bruchteil sehen. Es war schon viel – ein sehr schönes Zeichen!

 

Was sind im Rennen deine Stärken?

Schwer zu sagen. In diesem Jahr musste ich nicht wirklich viel im Zweikampf machen. Ansonsten bin ich im Zweikampf relativ stark gewesen. Wir hatten ein Rennen in Hockenheim, wo ich von ganz hinten nach ganz vorne gefahren bin. Darüber hinaus würde ich sagen, dass ich wenig Fehler mache, dass ich zwar immer am Limit fahre, aber dass ich mir keine großen Fehler im Rennen leiste. Reifenmanagement war dieses Jahr nicht ganz mein stärkster Faktor, da war Nico sehr stark. Zum Schluss dann die Starts, die besser geworden sind. Das war Anfang des Jahres noch eine Schwäche von mir, aber speziell ab Assen hatten wir fast jedes Wochenende starke Starts. Gerade auch zuletzt am Nürburgring waren beide Starts sehr stark. Das würde ich auch als Stärke bezeichnen, auch im Vergleich zu Nico. Am Lausitzring hatte er ein Problem mit der Kupplung und am Nürburgring hat er die Meisterschaft teilweise durch den Start verspielt. Der Start gehört zur Saison dazu, der muss passen. Als ich gesehen habe, dass ich da ein Defizit hatte, habe ich dementsprechend versucht, mich an der Stelle zu verbessern. Besonders die letzten zwei Wochenenden, am Lausitzring und am Nürburgring, haben meine Starts sehr gut funktioniert.

Obwohl er den Titel gewann, ist Rast nach wie vor kritisch über seine Performance und sucht immer nach Möglichkeiten zur Verbesserung

 

Manchmal gab es in den Rennen auch technische Probleme, die für Punktverluste gesorgt haben. Kannst du das schnell abhaken?

Ja, das kann ich echt schnell abhaken. Ein technischer Defekt ist brutal ärgerlich, gerade wenn man Zweiter ist. Das sind wertvolle Punkte, die dann durch die Finger glitschen, aber im Endeffekt kann ich es ja nicht ändern. Wenn der Sensor ausfällt, dann kann ich mich noch so sehr bemühen, aber das habe ich nicht in der Hand. Der fällt aus, wenn er will, und von dem her bringt es nichts, sich darüber aufzuregen, denn die Punkte kommen nicht zurück. Von dem her kann ich das relativ schnell abhaken. Es wäre etwas anderes, wenn ich einen Fahrfehler machen würde. Dann würde ich mit Sicherheit da noch lange hinterhertrauern und mir Gedanken machen. Aber bei so einem technischen Defekt, das passiert halt. Man muss nach vorne blicken, das kann man nicht ändern.

 

Fahrfehler sieht man bei dir eher selten.

Zum Glück, ja. Ich habe natürlich hier und da auch kleine Schnitzer, die man von außen vielleicht nicht 100-prozentig sehen kann, aber ich bin auch nicht immer derjenige, der jede Runde perfekt fährt. Aber größere Schnitzer wie ein Dreher oder ein ‚Flat-Spot’, sprich ein länger stehendes Rad oder so, das passiert bei mir ganz, ganz selten.

 

Gibt es Bereiche, wo du dich noch verbessern kannst?

Gerade was das Thema Reifenmanagement angeht, da werde ich mit Sicherheit noch Arbeit investieren. Das wird in den kommenden Jahren weiterhin auf uns zukommen, Reifenmanagement wird ein Thema bleiben. Da sehe ich definitiv noch Potenzial. Da sehe ich, dass das Nico Müller besser gemacht hat, oder auch Jamie Green. Da muss auch der Fahrstil weiter justiert werden, so dass ich da auch stärker werde. Ich war da nicht schlecht, aber es war nicht unsere große Stärke.

 

Wie bereitest du dich vor, mental und körperlich?

Körperlich, da muss ich wirklich sagen, schraube ich während der Saison das Training auf ein Minimum runter. Im Winter habe ich natürlich mehr Zeit und auch mehr Fokus, um mich körperlich vorzubereiten. Da mache ich mehr Sport. Wenn die Saison anfängt, mache ich zwischen den Rennen fast gar nichts. Das Fahren an sich ist schon Training genug. Ich merke das auch zwischen den Rennen, dass ich das nicht brauche. Ich setze mich dann wieder ins Rennauto und merke, dass ich auch gar nicht hätte trainieren müssen. Das Fahren an sich trainiert dich so gut, dass du keinen Sport mehr neben dem Fahren machen musst. Ich verwende die freie Zeit, die ich dadurch gewinne, für Zeit mit der Familie, die mir auch sehr wichtig ist, damit ich im Kopf mal wieder auf andere Themen komme, und die übrige Zeit geht dann auch drauf für Vorbereitungen. Zuerst einmal die Nachbereitung, zu schauen, was können wir besser machen. Dafür geht viel Zeit drauf. Und dann die Vorbereitung, das kostet extrem viel Zeit. Das kann ich jetzt nicht in Tagen oder Stunden ausdrücken, aber ich bin immer froh, wenn es dann Wochenende ist, und ich ins erste Training gehen kann. Wenn du die zwei Wochen vorher nichts anderes gemacht hast, als dich vorzubereiten, das zieht sich immer und ewig hin, bis du dann endlich einmal fahren darfst. Da geht extrem viel Zeit drauf.

 

Wie wichtig ist für dich Simulatorarbeit?

Sehr wichtig! Wir haben natürlich den Simulator bei Audi Sport, in den wir vor jedem Rennen einen Tag verbringen. Dann haben wir noch einen Simulator beim Team Rosberg, wo wir auch vor jedem Rennwochenende noch mal einen Tag sind, und dann habe ich noch einen Simulator bei mir zuhause. Wenn mir noch irgendwelche Ideen kommen, wo ich dann auch verschiedene Prozeduren abspiele, wo ich verschiedene Fahrstile probieren kann. Da kommen so schon brutal viele Runden zusammen. Zum Beispiel zuletzt am Nürburgring, das erste Freie Training, da war meine erste gezeitete Runde eine 20.5 oder eine 20.4. Am Sonntag war meine Qualifyingrunde eine 20.0.  Also war im Endeffekt meine allererste Runde am Wochenende nur eine halbe Sekunde langsamer als meine schnellste am Sonntag. Das zeigt einfach, wie gut mittlerweile die Vorbereitung ist. Früher bist du ins Training gegangen und warst erst mal drei, vier Sekunden langsamer als dann im Qualifying. Heutzutage geht es wirklich so, dass man sich reinsetzt und auf Anhieb schnell ist.

Rast hat zum Trainieren einen eigenen Simulator zuhause, mit dem er auch neue Ideen perfektionieren kann

 

Was magst du beim Fitnesstraining gern?

Ich habe dieses Jahr das Mountainbiking für mich entdeckt, allerdings mit dem E-Mountainbike! Das finde ich brutal cool, weil das Training dann auch Spaß macht. Normalerweise, beim Mountainbike, wenn man bei null anfängt, dann kommst du wahrscheinlich nicht die Berge hoch, die ich jetzt hochgefahren bin. Du kannst natürlich auch viel längere Strecken fahren, und wenn du vor einem steilen Stück stehst, dann machst du ein bisschen mehr Motor an und dann fährst du easy hoch. Es ist trotzdem noch sehr anstrengend, aber es macht brutal Spaß, wie ich finde. Im Winter gehe ich eher laufen, denn Fahrradfahren ist mir dann zu kalt, und natürlich auch im Fitnesstudio, um die Muskeln ein bisschen zu bewegen, dass man da nicht einrostet. Ich habe auch Langlaufski, allerdings bin ich noch nicht so technikbegabt, dass ich da zufrieden bin. Skifahren kann ich auch, aber eher zum Spaß, nicht als Training.

 

Machst du irgendwas im Bereich des Mentaltrainings?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe damit noch nie wirklich Berührung gehabt, habe es auch noch nie wirklich gebraucht. Ich habe noch nie einen mentalen Einbruch während des Rennens oder irgendwas gespürt. Von dem her sage ich: so lange es ohne geht, mache ich es ohne.

 

Wie ist die Zusammenarbeit mit deinen Markenkollegen sowie Dieter Gass als Sportchef?

Ich denke, dass wir bei Audi Sport wirklich ein sehr gutes Verhältnis zwischen den Fahrern haben. Wenn ich da teilweise bei den anderen Marken reinschaue, da sind sich die Fahrer manchmal weniger grün als wir es sind. Natürlich, ich sage nicht, dass bei uns immer heile Welt ist. Wir haben auch hier und da unsere Diskussionen nach den Rennen, zum Beispiel am Norisring oder andere Situationen. Da sieht man, dass wir unter den Fahrern auch Diskussionen führen müssen, aber ich glaube, wir gehen kollegialer miteinander um, als das bei dem einen oder anderen Hersteller der Fall ist. Ich glaube, da hat Dieter die Fahrer schon sehr gut im Griff und wir haben auch ein sehr freundschaftliches Verhältnis zueinander. Da ist niemand, der dem anderen das nicht gönnt. Wenn jemand einen guten Job macht, dann erkennt das jeder dem anderen an. Natürlich ist es nicht schön für die anderen Fahrer, wenn einer immer heraussticht, aber ich glaube, da kann jeder gut mit umgehen und wir haben uns in den letzten zwei, drei Jahren als Team sehr gut entwickelt. Seit 2017 sind auch fast immer die gleichen Fahrer dabei und da entwickelt sich natürlich auch ein Teamgeist. Das macht Dieter schon sehr gut.

Rast bewundert die Fähigkeit von Dieter Gass, seine Fahrer zu managen und Sachen umzusetzen

 

Was macht Dieter Gass als Führungspersönlichkeit aus?

Dass er weiß, was er will. Er ist niemand, der rumdruckst und keine klaren Ansagen macht. Er sagt dann schon: ‚Das und das muss so sein’, oder ‚das hätte ich gerne so’. Er ist auch jemand, der Dinge schnell umsetzt. Ich glaube, das macht ihn als Führungskraft sehr erfolgreich, weil er ganz klar eine Richtung aufzeigt. Es gibt eigentlich keine Alternative, es gibt nur diesen einen Weg, den er uns aufzeigt. Das macht ihn in der Hinsicht auch sehr stark, dass man ganz genau weiß, was man an ihn hat. Er ist auch ein sehr umgänglicher Kollege, man kann auch immer mit ihm sprechen, egal, über welches Problem. Er ist nie böse, wenn du Kritik äußerst. Er ist jemand, der gerne Kritik aufnimmt und dann versucht, es besser zu machen. Eigentlich rundum ein perfekter Boss!

 

Letztendlich hast du ihm auch deinen Einstieg in die DTM zu verdanken.

Er war natürlich auch schon 2012 dabei, wo ich bei der Sichtung einfach zu langsam war, aber ja, er war derjenige, der an mich geglaubt hat, der mir die Chance gegeben hat und in die DTM und auch ins LMP1-Programm geholt hat.

 

Nach deinen vielen Erfolgen in den Markenpokalen hat es sehr lange gedauert, bis sich dein Traum vom Fahren in der DTM endlich erfüllt hat. Wie schwer war das für dich?

Das war eine ganz schwierige Zeit. Gerade im Motorsport, wo man immer hofft, dass es irgendwie weitergeht, in welcher Form auch immer. Man will sich immer weiterentwickeln. Es war nie mein Ziel, beispielsweise im Carrera Cup oder im Supercup zu bleiben. Ich habe mich immer für etwas Höheres bereit gefühlt und wollte immer in die DTM oder in die LMP1-Klasse rein. Wenn du dann jedes Jahr, mehrere Jahre am Stück, eine Absage bekommst, das hat natürlich an den Kräften gezehrt. Aber vielleicht hat es mich als Person auch stärker gemacht, da ich besser mit Niederlagen umgehen kann. Es war also nicht nur negativ, es war sicherlich auch charakterbildend. Es hat mich zu der Person gemacht, die ich jetzt bin. Aber es war definitiv keine schöne Zeit.

Wie bei vielen deutschen Fahrern war Michael Schumacher ein großes Vorbild

 

Hattest du irgendwelche Vorbilder im Rennsport?

Natürlich habe ich früher als Kind immer für Michael Schumacher gejubelt. Ich habe damals auch das eine oder andere Formel-1-Rennen an der Strecke selbst angeschaut, bin mit meinem Vater nach Hockenheim gefahren. Auch als ich selbst Kart gefahren bin, habe ich mir die Formel-1-Rennen angeschaut. Ich war immer ein großer Fan von Michael Schumacher. Klar kannte ich auch die DTM, wir waren auch schon in Diepholz auf dem Flugplatz vor Ort, aber als Kind schaust du eher auf die Formel 1.

 

Vorschau Teil 2

Im zweiten und letzten Teil des großen Interviews auf DTM.com spricht René Rast über seinen vorzeitigen Titelgewinn, was in diesem Jahr für ihn ausschlaggebend war, was sein Team für ihn bedeutet, was er gerne noch im Motorsport erreichen würde, seinen Platz in der Audi-Motorsporthistorie, die in diesem Jahr neue Turbomotoren und verrät er, wen er für 2020 als Favoriten auf seiner Liste hat.

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