Frauen-Power in der DTM | DTM
2019-05-13 14:45:00

Frauen-Power in der DTM

Frauen-Power in der DTM

Die innovative Herangehensweise der DTM-Partnerserie W Series und der erfolgreiche Start Anfang Mai in Hockenheim hat die Debatte über Frauen im Motorsport neu belebt. Das Ziel der W Series ist es, die Chancen von jungen Frauen bei ihren ersten Schritten auf der Karriereleiter im Motorsport zu verbessern. Dass die Serie nur Frauen zulässt, bedeutet nicht, dass Frauen nicht zusammen mit Männern fahren könnten. Vielmehr erhoffen die Ausrichter so, die Möglichkeiten zur Förderung und Vermarktung der Talente zu optimieren. Somit ist die W Series nicht das Ziel, sondern der Anfang.

Einige im Motorsport meinen, dass Frauen nicht zusammen mit Männern fahren könnten, da die körperlichen Anforderungen zu groß sind, um einen gemeinsamen Wettbewerb zu ermöglichen. Die W Series sieht das nicht so und das Gleiche gilt für die DTM. Mehr als viele andere Serien hat die DTM Frauen ins Teilnehmerfeld aufgenommen. Eine von ihnen gewann sogar ein Rennen. Für den Anfang dieser Geschichte gehen wir in die frühesten Tage der deutschen Automobilindustrie zurück.

 

Eine kurze Automobilgeschichte

Obwohl es Carl Benz war, der im Jahr 1886 das erste Patent für ein Automobil in Deutschland erhielt, war es seine Ehefrau Bertha, die die erste längere Ausfahrt mit der neuen Erfindung absolvierte. Auf ihrer Fahrt von Mannheim nach Pforzheim legte sie, begleitet von ihren beiden Söhnen Eugen und Richard, eine Distanz von 106 Kilometern zurück. Drei Tage später kehrte sie sicher heim. Ein späterer Industriepionier, André Citroën, war dafür bekannt, dass er fast immer seine Frau ans Steuer ließ, als Beweis dafür, wie einfach der Umgang mit seinen Autos war.

Es dauerte nicht lange, bevor die ersten Frauen an Automobilwettbewerben teilnahmen. Die französische Tänzerin Hellé Nice investierte ihren Gehalt in die Anschaffung eines Bugatti, mit dem sie in ganz Europa bei Rennen an den Start ging.

1958 nahm Maria Teresa de Filippis als erste Frau an einem Lauf der Formel-1-Weltmeisterschaft teil. Sowohl vor als auch nach dem Zweiten Weltkrieg starteten andere Frauen, oft mit beachtlichem Erfolg, bei Rallyes. Margaret Allan, Ewy Rosqvist, Pat Moss, Lucette Pointet und Michèle Mouton sind nur einige Beispiele.

 

Die erste Frau in der DTM

Die Italienierin Lella Lombardi, die als erste Frau einen WM-Punkt in der Formel 1 einfuhr, war auch die erste Frau, die bei einer DTM-Veranstaltung an den Start ging. Der zehnte Lauf der Saison 1984, das erste Jahr der DTM, fand am 4. August im Rahmen des deutschen Formel-1-Grand-Prix auf dem Hockenheimring statt. Die prestigeträchtige Veranstaltung lockte ein Feld von nicht weniger als 40 Fahrzeugen für die beiden Tourenwagenrennen an. Darunter befanden sich zwei werksunterstützte Alfa Romeo GTV, die in der Woche zuvor beim 24-Stunden-Rennen von Spa teilgenommen hatten. Lombardi belegte Rang 10 im ersten Rennen und kam im zweiten Wettbewerb sogar auf Platz sechs ins Ziel. Als Gaststarterin war sie jedoch nicht punktberechtigt.

Zwei Wochen später gastierte die DTM zum zweiten Mal in Zolder, wo am 11. März 1984 bereits die Auftaktveranstaltung der neuen Serie stattgefunden hatte. Für das DTM-Wochenende im August hatte die niederländische Fahrerin Henny Hemmes jenen Chevrolet Camaro eingeschrieben, den sie normalerweise in ihrer nationalen Meisterschaft fuhr. Bei ihrer DTM-Premiere kam sie nicht ins Ziel.

Inzwischen hatte sich in Deutschland auch der Ford Fiesta Ladies’ Cup als nationaler Markenpokal etabliert. Es dauerte nicht lange, bis mit Beate Nodes auch eine Fahrerin aus dieser Serie im Tourenwagen an den Start ging. Erneut in Zolder bestritt sie 1985 ihr erstes Rennen mit einem Ford Escort. Mit Rang 14 auf dem Flugplatzkurs im Siegerland fuhr sie ihre ersten Meisterschaftspunkte ein, die Saison beendete sie auf Platz 38 der Fahrerwertung. Nodes war auch die erste Frau, die einen Podiumsplatz in der DTM erreichte: Im Ford Sierra kam sie 1986, in ihrer ersten vollen DTM-Saison, auf der Berliner Avus als Dritte ins Ziel. Nodes verstarb 2008 nach einem Herzversagen, nur 44 Jahre alt. Henny Hemmes erlag im April diesen Jahres der Muskelkrankheit ALS.

 

Die Erfolge der Ellen Lohr

Eine Dame ist unbestritten die bekannteste Fahrerin in der Geschichte der DTM. Als sie noch in der Formel Ford fuhr, erkannte Burkhard Bovensiepen, der damals das Alpina-BMW-Team leitete, ihre Fähigkeiten und bot ihr einen Fahrerplatz in einem BMW M3 für die letzten drei Rennwochenenden der DTM-Saison 1987 an.

„Natürlich war eine Karriere im Formelsport mein erklärtes Ziel, aber nach langer Überlegung nutzte ich doch die Chance“, erinnert sich Lohr heute. „Ich war ganz alleine, eine junge Fahrerin, noch Chemiestudentin obendrein. Ich hatte keinen Manager, gar nichts, aber ich sagte mir, dass eine gute Leistung im Tourenwagen sicherlich nicht schaden konnte.“

Die damals 22-Jährige schlug sich bestens. Beim ersten Einsatz auf dem Nürburgring kam sie nicht ins Ziel, belegte aber in Wunstorf Rang fünf und sicherte sich eindrucksvoll Platz zwei beim Saisonfinale in Salzburg, ihr erstes Podium in der DTM. Am gleichen Wochenende fuhr sie im Nesselgraben auch ihren Formel Ford, mit dem sie sich den Titel in der Deutschen Meisterschaft 1987 sicherte.

 

Lohrs Karriere entwickelt sich

Lohr fährt fort: „Was fast niemand weiß, ist, dass Wolfgang-Peter Flohr, damals Sportchef bei BMW, mir bereits für 1988 eine komplette Saison in der DTM angeboten hat. Das Angebot habe ich aber abgelehnt, da ich weiterhin Formelautos fahren wollte.“ Nachdem sich Lohr zunächst gegen eine komplette Saison im Tourenwagen entschieden hatte, verpflichtete BMW zwei andere Frauen für die DTM.v

Die Deutsche Annette Meeuvissen und die Österreicherin Mercedes Stermitz bestritten 1988 alle DTM-Rennen mit BMW. Meistens befanden sie sich in der zweiten Hälfte des Feldes, aber gelegentlich konnten sie Meisterschaftspunkte einfahren. 1990 und 1991 fuhr Meeuvissen zwei weitere Jahre mit dem BMW M3 Sport Evolution, während Lohr 1991 mit Mercedes-Benz ebenfalls komplett in die DTM einstieg.

„Mercedes-Sportchef Norbert Haug holte mich nach zwei Jahren in der Formel 3 an Bord“, erzählt sie. „Erneut habe ich längere Zeit gebraucht, um mich zu entscheiden, denn mir war klar, dass die eine Entscheidung für die DTM das Ende meiner Formelkarriere bedeuten würde. Andererseits war die Aussicht eines richtigen Werksvertrag mit Gehalt und allem, was dazugehört, zu gut, um auszuschlagen.“

 

Lohr als Vollzeit-DTM-Fahrerin

Bereits in ihrer ersten vollen DTM-Saison schien Lohr in Zolder auf dem Weg zum Sieg, aber es sollte nicht sein: „Ich rutschte auf einer Ölspur von der Strecke, ich glaube, aus dem Auto von Jacques Laffitte“, erklärt sie.

Ein Jahr später, 1992, kam es dann tatsächlich zum erhofften Erfolg. Lohr bestätigte das Vertrauen, das Mercedes in sie gestellt hatte, mit dem viel beachteten Sieg im ersten der beiden Rennen in Hockenheim im Mai, am fünften Rennwochenende der Saison. „Ja, dieser Sieg war toll, ganz sicher der Höhepunkt meiner Karriere und eine Leistung, an die sich viele Menschen bis heute erinnern“, sagt sie. „Es ist erstaunlich, wie oft mich Leute noch auf diesen Sieg ansprechen.“ Lohr beendete die Saison als Elfte und schloss das Jahr 1993 sogar noch einen Platz höher ab.

 

1994 löste die C-Klasse den bewährten Mercedes 190 in der DTM ab. Lohr erinnert sich gerne an die C-Klasse: „Der beste Tourenwagen, den ich je gefahren bin“, sagt sie ohne Zögern. „Aber leider dauerte es nicht lange, bis ich auch zwischen die Räder der internen Politik geriet. In den letzten beiden Jahren der DTM und ITC machte ich meinen Job wie ausgemacht, aber ich hatte nicht wirklich Spaß dabei. Ich hatte schon für mich beschlossen, dass 1996 mein letztes Jahr in der Serie sein würde, lange vor dem Aus der ITC. Mercedes bot mir stattdessen einen Fahrervertrag für die Truck-EM an und so war ich eine der wenigen bei Mercedes mit einem Vertrag, obwohl es die Serie nicht mehr gab. Ich glaube, von den anderen Fahrern blieb nur Bernd Schneider noch an Bord.“

 

Türen für andere öffnen

Zehn Jahre nach Ellen Lohrs letzten Saison in der DTM gingen 2006 erstmals wieder Frauen in der Serie an den Start. Susie Stoddart wurde in den Mercedes-Kader aufgenommen, während Vanina Ickx, die Tochter des sechsmaligen Le-Mans-Siegers, Ex-Formel-1-Fahrers und Dakar-Rallye-Sieger Jacky, für Audi fuhr. Damit hatten die beiden Hersteller in der DTM jeweils eine Fahrerin im Teilnehmerfeld.

Beim Saisonauftakt in Hockenheim verteilte Mercedes farbige Schilder an die Zuschauer auf der von Mercedes gesponserten Tribüne, zusammen mit der Anweisung, diese Schilder während der Aufwärmrunde in die Höhe zu strecken. Damit wurde die Begrüßung ‚Hello Susie’ für alle Zuschauer sichtbar.

Trotz des herzlichen Willkommensgrußes taten sich beide Damen schwer, denn ihre Jahreswagen, manchmal sogar mehrere Jahre alt, waren nicht wirklich wettbewerbsfähig. Nach zwei Jahren verabschiedete sich Vanina Ickx aus der DTM, in der sie nie wirklich glücklich wurde. Die Britin Katherine Legge übernahm ihren Fahrerplatz bei Audi, aber fuhr in drei Jahren (2008-2010) keine Punkte ein. Stoddart hingegen sicherte sich mit Platz sieben  auf dem Lausitzring 2010 ihre ersten Meisterschaftspunkte. Weitere Punkte folgten in Oschersleben und in Hockenheim im Oktober. Nach der Hochzeit mit dem zukünftigen Mercedes-Sportchef Toto Wolff wurde Susie Stoddart zu Susie Wolff. Sie fuhr noch zwei weitere Jahre in der DTM und ist jetzt Teammanagerin des monegassischen Venturi-Rennstalls in der Formel E.

Die Schweizerin Rahel Frey fuhr 2011 und 2012 für Audi und zeigte im Jahreswagen mehrmals ihr Potenzial. Ihr siebter Platz im vorletzten Saisonrennen 2012 in Valencia, nachdem sie sich in einem spannenden Duell gegen den dreimaligen Tourenwagen-Weltmeister Andy Priaulx durchgesetzt hatte, zeigte, was möglich gewesen wäre, hätte man ihr ein weiteres Jahr in der Serie erlaubt.

Die Firmenpolitik wollte es jedoch anders, und so wurde 2012 das bislang letzte Jahr, in dem Frauen in der DTM an den Start gingen. Frey startet als Teilnehmerin im Audi Sport Seyffarth R8 LMS Cup weiterhin im Rahmenprogramm der DTM. Beim Saisonauftakt 2019 in Hockenheim gewann sie beide Rennen.

 

Blick in die Zukunft

„Wir waren eine wirklich starke Generation“, sagt Ellen Lohr. „Als ich Formel Ford fuhr, gab es vier oder fünf weitere Mädels, die ebenfalls teilnahmen. Ich war eine der wenigen, die weiter gekommen sind. Heutzutage sind Frauen viel besser vorbereitet, so glaube ich. Sie haben weit bessere Chancen, nicht zuletzt auch dank Datenerfassung und Simulatoren. Das hatten wir alles nicht.“

Mehr Frauen zur Teilnahme zu bewegen, ist ein Ziel, dass ITR-Vorsitzender Gerhard Berger am Herzen liegt. Er spielte eine entscheidende Rolle bei der Aufnahme der W Series ins DTM-Programm und würde gerne starke Frauen im Motorsport sehen.

„Die DTM war immer bemüht, Frauen zur Teilnahme in der Serie zu bewegen“, sagt er. „Wir betrachten die W Series als eine progressive und professionelle Klasse, die eine Bereicherung für die DTM ist. Wir sind stolz darauf, dass wir jungen Fahrerinnen helfen können, ihre Karriere auf einer internationalen Bühne zu entwickeln. Ich glaube, dass Frauen mit der richtigen Unterstützung und im richtigen Umfeld gegen Männer fahren und sie schlagen können.“

„Mit dem ersten Rennen hat die W Series gezeigt, dass sie eine richtige, ernstzunehmende Formelklasse ist, von der ich glaube, dass sie sich in ihrer ersten Saison weiter entwickeln wird. Das Starterfeld umfasst einige sehr eindrucksvolle Fahrerinnen. Wenn es verträglich klappt, würde ich mich freuen, wenn die Fahrerinnen, die in der W Series vorne mitfahren, im kommenden Jahr in der DTM fahren und siegen können.“

Lohr stimmt ein: „Generell gibt es im Motorsport heutzutage viele Bestrebungen, mehr Frauen zu beteiligen“, sagt sie. „Die W Series sind ein Beispiel, aber auch die Initiative ‚Women in Motorsport’ von der FIA oder ‚Dare to be Different’. An Möglichkeiten mangelt es nicht und ich glaube, dass es mittlerweile auch mit einer Fahrerin in der Formel 1 klappen könnte. Es wäre schön, auch in der DTM wieder welche zu sehen.“

Tickets 2020

Tickets 2019

Jetzt Tickets für die DTM-Saison 2020 im Vorverkauf bestellen.

Zur Übersicht

Zur Übersicht.

Bosch

DTM YouTube

Action pur und gute Unterhaltung: Bewegende Bilder rund um die DTM.

Mehr sehen