Offenes Gespräch mit dem neuen DTM-Champion | DTM
2019-09-23 11:15:00

Offenes Gespräch mit dem neuen DTM-Champion

Offenes Gespräch mit dem neuen DTM-Champion

Für Audi-Fahrer René Rast reichte Platz drei im Sonntagsrennen auf dem Nürburgring zum Gewinn seines zweiten DTM-Fahertitels nach 2017. Nach seinem zweiten DTM-Gesamtsieg in seiner erst dritten vollständigen Saison ist er nun in einer Liga mit den anderen zweimaligen Champions, Mattias Ekström, Gary Paffett, Timo Scheider und Marco Wittmann.

Der frischgekürte Titelträger nahm sich Zeit für ein ausführliches Interview mit DTM.com. Im zweiten und letzten Teil spricht er über seinen vorzeitigen Titelgewinn, was in diesem Jahr für ihn ausschlaggebend war, was sein Team für ihn bedeutet, was er gerne noch im Motorsport erreichen würde, seinen Platz in der Audi-Motorsporthistorie, die in diesem Jahr neue Turbomotoren und verrät er, wen er für 2020 als Favoriten auf seiner Liste hat.

 

Ist es eine Erleichterung, es jetzt schon geschafft zu haben, und nicht bis Hockenheim warten zu müssen?

Jein...Ich habe gestern noch überlegt, ob es nicht schöner gewesen wäre, vielleicht noch ein paar Punkte offen zu haben, drei, vier Punkte, so dass ich vielleicht erst am Samstag Meister geworden wäre und dann wirklich am Finalwochenende die Meisterfeier habe. In Hockenheim kommt meine ganze Familie, und jetzt am Nürburgring war fast niemand von meiner Familie da. Von daher wäre es schön gewesen, wenn man den Moment mit denen zusammen hätte feiern können. Aber gut, jetzt ist es also schon vorher passiert und ich möchte mich nicht beschweren! Natürlich ist mir eine Riesenlast von den Schultern gefallen. Jetzt brauche ich mir bis Hockenheim keine Gedanken mehr machen, ob es klappt oder ob es nicht klappt. Bei drei oder vier Punkten kann ja immer noch alles schiefgehen: Zwei schlechte Qualis, zwei schlechte Rennen, und dann hätte Nico natürlich zweimal auf Pole fahren müssen und zwei Rennen gewinnen müssen, aber es hätte immer noch viel schiefgehen können. Die Ungewissheit hätte ich bis Hockenheim immer im Hinterkopf gehabt.

 

Was war für dich in diesem Jahr ausschlaggebend?

Sicherlich die Qualifyings. Wir haben allein im Qualifying insgesamt 32 Punkte geholt. Wenn man die wegrechnen würde, dann hätten wir jetzt noch nicht die Meisterschaft im Sack. Die Performance, die wir im Qualifying gezeigt haben, war eine Ecke besser als die der Konkurrenz. Im Rennen war es immer relativ ausgeglichen. Wir waren zwar auch immer vorne dabei, aber die Rennpace war nicht immer so überlegen wie wir im Qualifying überlegen waren. Unser Auto war im Qualifying sehr stark, im Rennen musste ich dann schon oft kämpfen. Beispielsweise in Assen, wo ich geführt habe und dann einen Reifeneinbruch hatte: das sind dann schwierige Situationen. Die Qualifyings waren schon der ausschlaggebende Faktor für den Titelgewinn.

 

Was machst du im Qualifying anders als die Konkurrenz?

Das war schon immer meine Stärke in der DTM. 2017 haben wir ja auch durch die Qualifying-Punkte die Meisterschaft gewonnen. Ich setze mich mit der Materie sehr intensiv auseinander, was die Performance über eine Runde angeht. Da muss wirklich alles passen. Du suchst in den Daten nicht mehr nach Zehnteln, du suchst nach Hundertsteln. Auch am Nürburgring haben wir wieder gesehen, dass 14 Autos innerhalb von vier Zehnteln fuhren. Die Abstände waren immer nur eins, zwei, drei Hundertstel. Wenn du dann in den Daten das Verbesserungspotenzial für ein paar Hundertstel findest, dann bist du ruck-zuck diesen einen Schritt den anderen voraus. Wenn du dich sehr intensiv mit den Daten befasst, was ich halt tue – womit ich nicht sage, dass die anderen das nicht tun, sondern nur auf eine anderen Weise – dann bringt das den Vorteil. Ich habe immer die perfekte Runde im Kopf, ich weiß, wie man es machen muss, ich muss es dann nur noch umsetzen. Ich weiß nicht, ob das jeder kann, ob jeder so eine perfekte Runde im Kopf hat, oder ob die einfach sagen: Ich fahre mal und guck, was passiert. Ich habe halt immer vorher einen Fahrplan im Kopf, wo ich weiß, was ich machen muss, um diese perfekte Runde abzurufen. Ob das dann immer klappt, ist eine andere Sache, aber ich habe zumindest den Fahrplan.

 

Dein Vater studiert und analysiert auch immer alles...

Ja, das macht er nach wie vor. Er steht immer mit seinem Block in der Box, notiert sich da jeden Abstand... Der weiß immer ganz genau, was los ist. Genauso wie früher. Das hat er damals im Kart schon immer gemacht, das Analytische, und auch zu Carrera-Cup-Zeiten und zu Polo-Cup-Zeiten, wo er noch federführend immer dabei war, da hat er auch immer viel analysiert und das habe ich von meinem Vater mitgekriegt, dieses Analytische. Ich denke, dass das in vielen Situationen hilft, um einen besseren Überblick über die Gesamtsituation zu bekommen.

Rasts Ausfall im Samstagsrennen auf dem Lausitzring stärkte seine Motivation, am Sonntag, im 500. Rennen der DTM-Geschichte, noch mehr anzugreifen

 

Hast du im Laufe der Saison mal einen Moment gehabt, an dem du dachtest, dass es schwierig wird mit dem Titel?

Ja, natürlich habe ich die gehabt. Den einzigen Moment, den ich jetzt prägnant im Kopf habe, ist Lausitzring, der Ausfall am Samstag, als Nico dann gewonnen hat. Ich glaube, nach dem Rennen waren es nur noch 13 Punkte, und dann war die Luft schon dünn. Da wusste ich: jetzt wird es auf einmal wieder eng. Nico war auch brutal stark an dem Wochenende und auch die Zeit davor. Da musste ich mich schon zusammenreißen, denn ein weiterer Ausfall, und ruck-zuck wäre Nico vorne gewesen. Und wenn einmal das Momentum weg ist, und Nico vorne ist, dann ist der Druck bei uns und dann kann sich das Blatt ganz schnell wenden. Das war echt so ein Punkt, kein einfacher Moment.

 

Aber dann trotzdem weiter kämpfen.

Ja, klar! Den Kopf in den Sand stecken hilft ja nicht. Aber das war auch immer unsere Stärke, auch beim Team Rosberg, dass, wenn es darauf ankommt, wir immer da waren. Letztes Jahr, als es um die Wurst ging. Immer, wenn wir da sein mussten, oder auch 2017, als wir liefern mussten, da waren wir genau an den Momenten da und haben alles maximiert. Das war in den letzten drei Jahren immer unsere Stärke.

 

Beim Team Rosberg fühlst du dich schon zuhause, oder

Ja, auf alle Fälle! Wenn man drei Jahre jetzt um Meisterschaften kämpft, das schweißt zusammen, das verbindet! Die Erfahrung nimmt dir keiner mehr. Auch die Mechaniker, die Ingenieure. Wenn man mit einem Team fahren würde, das zum ersten Mal um die Meisterschaft kämpft, dann bist du natürlich total nervös: die Mechaniker sind nervös, die Ingenieure sind nervös und machen dann vielleicht sogar Fehler unter Druck, weil sie einfach nervös sind. Wenn man, so wie wir, jetzt drei Jahre zusammenarbeitet, man kennt das Business, wir sind drei Jahre zusammen gefahren. Die haben nicht mehr die Nervosität, die wissen, wie sie mit dieser Situation umgehen müssen. Das nimmt schon mal ganz viel Druck raus und bringt ganz viel Gelassenheit. Von dem her glaube ich, dass es sehr wichtig ist, dass man auch Erfahrung im Meisterschaftskampf hat.

Die Erfolge und Meistertitel, die das Team Rosberg einfuhr, hat die Mannschaft in den vergangenen drei Jahren zusammengeschweißt

 

Teamchef Arno Zensen wird im Laufe des nächsten Jahres die Mannschaft verlassen, da er in den Ruhestand geht. Wie siehst du das?

Das muss man sehen. Arno ist natürlich ein Schlüsselfaktor für den Erfolg, den wir beim Team Rosberg in den vergangenen Jahren hatten, aber ich glaube nicht, dass er sich komplett zurückziehen wird. Er wird wohl weniger vor Ort sein, aber er wird trotzdem noch hin und wieder da sein und gucken, ob alles in den richtigen Bahnen geht. Ich denke, es wird ein fließender Übergang, wo er unterstützend und begleitend da sein wird und wen auch immer, der dann da an der Spitze steht, tatkräftig unterstützen wird. Von daher habe ich keine Angst, dass sich was ändert.

 

Welche Möglichkeiten siehst du noch für die Zukunft, hast Du noch Ziele, die du gerne erfüllen würdest?

Ich würde gerne mal Le Mans gewinnen, etwas, was ich schon immer wollte und was immer noch mein Ziel ist. Der Gesamtsieg bei den 24 Stunden von Daytona ist definitiv noch auf meinem Zettel. Ansonsten, was die Serie an sich betrifft, bin ich in der DTM mega happy. Ich fühle mich da echt gut aufgehoben. Was wirklich Spaß macht, ist, dass ich jede Schraube, welche Stellschraube auch immer, als Fahrer selbst beeinflussen kann und dass ich dann am Ende auch bessere Ergebnisse sehe. Ich kann wirklich viele Details anpacken und verbessern und das macht mir unheimlich viel Spaß. Es ist nicht nur das Fahren an sich, sondern dass ich durch eigene Arbeit, durch eigene Leistung ein besseres Ergebnis hervorrufen kann. Im Langsteckensport bist du immer auf deine Teamkollegen angewiesen, du kannst nicht immer das Auto auf dich abstimmen, du musst immer ein bisschen Rücksicht nehmen auf die Teamkollegen. Das Rennergebnis ist auch immer durch die Teamkollegen mitbestimmt, immer ein bisschen fremdgesteuert. In der DTM bin ich derjenige, der über mein eigenes Glück entscheidet. Ich sitze im Auto im Qualifying, ich fahre im Rennen, ich bin derjenige, der im Endeffekt gewinnt oder es auch versemmelt, wenn ich am Lenkrad drehe. Das macht viel Spaß, auch die Arbeit mit dem Team, wenn du weißt, dass zehn Leute alle an dem gleichen Ziel arbeiten, nämlich, dass dein Auto gewinnt. Jeder gibt einfach alles dafür, arbeitet Tage und Nächte durch, ist bereit, viel zu geben und bekommt auch viel zurück. Das ist, was Spaß macht an der DTM.

 

Es gibt viele Motorsport-Größen in der Audi-Historie, angefangen bei Tazio Nuvolari und Bernd Rosemeyer über Walter Röhrl und Hans-Joachim Stuck bis hin zu Tom Kristensen und Mattias Ekström. Wo siehst du dich in diesem erlesenen Kreis?

Eigentlich gar nicht. Ich habe schon immer wenig Interesse für Geschichte gehabt, schon früher in der Schule. Ob das jetzt um Länder oder Kriege geht, oder im Motorsport: Geschichte war nie mein Thema, damit habe ich mich auch noch nie beschäftigt. Für mich ist das auch nicht erstrebenswert, irgendwie Geschichte zu schreiben. Es ist natürlich schön, ein Teil der Geschichte zu sein, aber ich bin jetzt niemand, der da einen großen Wert darauf legt. Ich bin eher der Statistiker, der sagt: Mattias Ekström hat 23 Siege, das ist das, was mich eher antreibt, zu sagen: ich könnte sogar den erfolgreichsten Audi-DTM-Fahrer ablösen. Das ist dann so ein Ziel, das ich mich selber setze. Ich habe jetzt 16 Siege, sieben Siege fehlen noch, um mit Mattias gleichzuziehen. Das ist eine zusätzliche Motivation, aber ich sehe mich selbst nicht als Audi-Legende.

 

Dieter Gass hat neuerdings mal gesagt, er sehe dich in einer Liga mit DTM-Größen wie Klaus Ludwig oder Bernd Schneider.

Das ist natürlich ein großes Lob, wenn Dieter das so sieht und auch sagt. Und das innerhalb von nur drei Jahren, das ist natürlich ein Riesenlob. Aber es ist noch ein weiter Weg bis dahin. Ich habe schon immer gesagt: ‚Der Weg ist das Ziel’. Jetzt, wo ich den Meistertitel wieder eingefahren habe, da fällt der ganze Druck weg, aber ich schaue auch schon wieder auf die nächsten Ziele. Man arbeitet immer auf ein Ziel hin, aber wenn man es erreicht hat, dann ist es da, und es ist nicht so die Endbefriedigung. Ich suche mir schon wieder die nächsten Ziele, gucke auf Hockenheim und sage: ‚Was können wir da machen, wie kommen wir weiter nach vorne’. Man arbeitet immer auf ein Ziel hin, aber im Endeffekt ist der Weg das Ziel. Der Weg ist das Schöne. Die Geschichten dahinter, die einzelnen Rennsiege, die Niederlagen, diese ganzen Emotionen, die dahinter stehen, ich glaube, das ist, was einem im Kopf bleibt. Natürlich, der Titel ist schön, aber nicht der Titel wird mir im Kopf bleiben, sondern eher der Weg dahin.

Audi-Sportchef Dieter Gass ist davon überzeugt, dass Rast in der Lage ist, das gleiche Niveau von den DTM-Größen Klaus Ludwig (Bild) und Bernd Schneider zu erlangen

 

Es gab in diesem Jahr neue Motoren in der DTM. Wie hast du es geschafft, das Paket, den Audi RS 5 DTM, relativ schnell zu beherrschen und damit erfolgreich zu sein?

Im Winter habe ich viel im Auto gesessen. Ich war Teil der Winterentwicklung und habe da schon viele Kilometer abspulen können, was ein Vorteil ist gegenüber den anderen, die weniger fahren. Deswegen bin ich schon mit einem kleinen Vorteil in die Saison gestartet, das kann man nicht von der Hand weisen. Natürlich sind wir irgendwann alle auf dem gleichen Level, aber gerade am Anfang des Jahres hilft es schon viel, wenn man schon in dem Auto gesessen ist. Ich glaube, der Audi RS 5 DTM war das Maß der Dinge in diesem Jahr, wenn man sich die Herstellerpunkte anschaut oder die Performance auf der Strecke. Da waren wir schon überlegen, haben sicherlich auch weniger Defekte gehabt und auch oft eine schnellere Rennpace oder Qualifyingpace gehabt als der BMW. Ich glaube schon, dass wir da überlegen waren. Außerdem konnte ich mich immer schon gut auf neue Autos einstellen, auf neue Begebenheiten: Front- oder Heckantrieb, Mittelmotor, Allradantrieb... Ich habe mit den Jahren gelernt, wie man mit verschiedenen Fahrzeugkonzepten umgeht. Von daher war es auch kein großes Problem, mich jetzt auf den neuen Motor einzustellen. Das ging relativ schnell.

Rast betrachtet Müller (in Führung) und Wittmann (links) als seine wichtigsten Rivalen im Kampf um den DTM-Titel 2020


Bist du für nächstes Jahr wieder der Favorit?

Gezwungenermaßen, ja. Als Meister ist man immer der Favorit für das nächste Jahr. Aber ich glaube, mit Nico gibt es jetzt auch einen Kandidaten, der im kommenden Jahr gut für die Meisterschaft ist. Seine Stärke ist das Reifenmanagement und auch den Speed hat er. Auch Marco wird wieder sehr stark werden. Der ist auf einem ähnlichen Niveau, maximiert auch alles, was er hat. Gerade im Qualifying ist er eine Bank. Die zwei kann man auch als klare Favoriten fürs nächste Jahr nennen. 

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